Fördern und Fordern
 
eine Herausforderung für Bildungspolitik, Eltern, Schule und Lehrkräfte

Gemeinsame Erklärung der Bildungs- und Lehrergewerkschaften und der Kultusministerkonferenz (Oktober 2006).
 
Präambel
Die Kultusministerinnen und Kultusminister der Bundesrepublik Deutschland sowie die Vorsitzenden der Lehrerverbände und -gewerkschaften sehen sich gemeinsam in der Verantwortung für die Weiterentwicklung von Bildung und Erziehung in deutschen Schulen.

In der konsequenten Verwirklichung des Prinzips “Fördern und Fordern“ in Schule und Unterricht sehen sie eine der zentralen Herausforderungen. Die möglichst klare Beschreibung der angestrebten Bildungs- und Erziehungsziele einerseits und die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler sowie das frühzeitige Erkennen ihrer Stärken und Schwächen andererseits sind dafür eine entscheidende Voraussetzung. Es gilt eine Entwicklung zu befördern, die es den Lehrkräften ermöglicht, sich stärker auf den einzelnen Schüler und die einzelne Schülerin zu konzentrieren. Das sollte bei Schülerinnen und Schülern, bei den Eltern und insgesamt in der Gesellschaft zu einem positiveren Verständnis von Lernen und Leistung führen. Interne und externe Evaluation sollen als Instrumente schulischer Qualitätsentwicklung wie auch als Instrumente individueller Förderung verstanden werden. Sie können z.B. auch wichtige Hinweise darauf geben, wo individuelle Förderung notwendig ist und wie sie gelingen kann. Schließlich muss es besser gelingen, die einzelnen Phasen der Bildungsbiografie miteinander zu verzahnen. Die Gestaltung der notwendigen Rahmenbedingungen ist Verpflichtung der Politik, die wissenschaftliche Grundlegung und Begleitung Auftrag von Wissenschaft und Forschung, die Umsetzung im Unterricht und Schulalltag vor allem Sache der Lehrerinnen und Lehrer, die dazu der Unterstützung durch die Eltern und des schulischen Umfeldes bedürfen.

Es besteht Einigkeit darüber, dass die Beobachtung von Bildungssystemen und Bildungsprozessen ein unentbehrliches Instrument der Qualitätsentwicklung im Bildungswesen ist. Dieses Systemmonitoring wird durch die Teilnahme der Länder an nationalen und internationalen Leistungsuntersuchungen gewährleistet. Regelmäßige nationale und landesbezogene Bildungsberichte unterstützen diesen Prozess. Sie sind nicht als ein Instrument für ein Ranking von Schulen angelegt.

Darüber hinaus erhalten Schulen und Lehrkräfte durch flächendeckende Vergleichsarbeiten, die an den länderübergreifenden Bildungsstandards orientiert sind, wichtige Rückmeldungen über den Erfolg ihrer Arbeit und notwendige Verbesserungsmaßnahmen. Diese Vergleichsarbeiten stellen eine klare Beziehung zwischen Bildungsstandards sowie deren Überprüfung und Aspekten des Förderns und Forderns sowie der Unterrichts- und Schulentwicklung her.


II Neue Lehr- und Lernkultur

Unser gemeinsames Ziel ist es, den Anteil an erfolgreichen und höherwertigen Schul- und Ausbildungsabschlüssen - ohne Qualitätsverlust - zu steigern und den Anteil der im Bildungssystem Scheiternden deutlich zu senken. Die Grundlagen hierfür werden in der Elementar- und Primarstufe gelegt; in den weiterführenden Schularten muss diese Arbeit konsequent fortgeführt werden. Den veränderten Anforderungen einer Wissens- und Informationsgesellschaft kann auf Dauer nur ein Bildungssystem entsprechen, das möglichst alle Begabungsreserven aktiviert, zu guten schulischen Leistungen führt und den Schülerinnen und Schülern die verschiedenen Bildungswege offen hält.

Im Zentrum dieser qualitativen Schulentwicklung steht die Verwirklichung einer neuen Lehr- und Lernkultur. Sie geht von den Interessen und Stärken der Lernenden aus, analysiert aber auch deren Schwächen und entwickelt vor allem geeignete Fördermaßnahmen zur Leistungssteigerung mit Blick auf den jeweiligen individuellen Lernprozess. Individuelle Lernfortschritte werden pädagogisch zur Lernmotivation genutzt. Grundlagen für lebenslanges Lernen werden gelegt. Durch die systematische Stärkung der einzelnen Schule wird die neue Lehr- und Lernkultur zusätzlich mit Leben erfüllt; so können auch Schülerorientierung und pädagogische Ausrichtung entscheidend gestärkt werden. Die zunehmend eigenverantwortlich agierende Schule orientiert sich an länderübergreifenden Bildungsstandards und gibt den Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern bzw. in den beruflichen Schulen den Betrieben systematisch Rückmeldungen und Handlungsempfehlungen für die Leistungsverbesserung der Schülerinnen und Schüler.

Schon jetzt haben Schulen ein weit gefächertes Aufgabenspektrum. Sie sind nicht mehr nur Lehr- und Lernort von Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen und Lehrern, sondern werden als ein zunehmend wichtiger gemeinsamer Lebensraum wahrgenommen. Schulen öffnen sich unter Berücksichtigung ihres Bildungs- und Erziehungsauftrages in die Gemeinden hinein und erweitern ihre Lernräume mit klarer Zielstellung. Ganztagsschulangebote erweitern die Lernzeiten und Fördermöglichkeiten. Schulleitungen und Lehrkräfte müssen und wollen sich diesen neuen Aufgaben stellen und brauchen und erhalten dabei Unterstützung durch die Länder, die Schulträger, die Betriebe und Kammern, die beruflichen Interessenvertretungen der Lehrerinnen und Lehrer und nicht zuletzt durch die Eltern.


III Elemente eines sich ändernden Bildes vom Lehrerberuf

Lehrerinnen und Lehrer sind Experten für Unterricht und Erziehung. Angesichts veränderter gesellschaftlicher Bedingungen und des heute weiter gefassten schulischen Auftrags verstehen sie sich zunehmend auch als Teil eines personalen Netzwerkes, das immer häufiger getragen wird durch Kommunikation und Kooperation von Lehrerinnen und Lehrern z.B. mit Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Psychologinnen und Psychologen sowie mit Eltern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Vor diesem Hintergrund ist die Einbeziehung neuer Elemente in das bestehende Berufsbild und eine Anpassung der Arbeitszusammenhänge und Arbeitsbedingungen unverzichtbar.

Ein zeitgemäßes Bild vom Lehrerberuf muss die neuen Aufgaben widerspiegeln, vor die Lehrerinnen und Lehrer sich gestellt sehen. Das veränderte Berufsbild ist gekennzeichnet durch

* das frühzeitige Erkennen individueller Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler, die Entwicklung individueller Förderpläne und die Unterstützung der Selbststeuerung von Lernbiografien,
* den professionellen Umgang mit der zunehmenden Heterogenität der Lerngruppen, die eine neue Form der Unterstützung beim Kompetenzerwerb und eine veränderte Form der Überprüfung erfordern,
* den konstruktiven Umgang mit den Ergebnissen interner und externer Evaluation, die Hinweise auf Fördernotwendigkeiten und -möglichkeiten geben,
* den Aufbau und die Pflege von Strukturen, die den Austausch mit vorangehenden, parallel laufenden und nachfolgenden Bildungseinrichtungen sowie die kontinuierliche Einbeziehung der Eltern, der Ausbildungsbetriebe und der Schulgemeinde in den Bildungs- und Erziehungsprozess der Schule erleichtern,
* die Arbeit innerhalb eines Netzwerkes in der Schule und ihres Umfeldes, um unterschiedliches Expertenwissen für Unterricht und Erziehung zusammenzuführen,
die Orientierung der Arbeit an länderübergreifenden Bildungsstandards und ihrer Überprüfung,
* die Ableitung qualitätsfördernder und Bildungschancen sichernder Maßnahmen für Unterricht und Erziehung aus diesen Evaluationen,
* ein verändertes Zeitmanagement, die kollegiale Kooperation und die Teilhabe an der schulischen Gesamtentwicklung,
* die Bereitschaft, sich den Anforderungen eines lebenslangen Lernprozesses zu stellen.

Eine besondere Herausforderung ist es dabei, die notwendige Weiterentwicklung des professionellen Selbstverständnisses auch unter den Bedingungen von Teilzeitbeschäftigung zu sichern.


IV Ein modernes Bildungssystem schafft Rahmenbedingungen für erfolgreiches Fördern und Fordern

Das Bildungssystem muss einen wirkungsvollen und dauerhaften Beitrag zur Gestaltung gleichwertiger Bildungs- und Lebenschancen leisten können. Damit dies besser gelingt, sollen Schulen als anregende Lernumgebungen so aus- und umgebaut werden, dass Benachteiligungen entgegengewirkt wird und Begabungen besser gefördert werden. Dazu müssen die Schulen zusätzliche Spielräume und für sie eigenverantwortlich verfügbare Ressourcen erhalten, um z.B. die Größe und Zusammensetzung von Lerngruppen den jeweiligen pädagogischen Erfordernissen anpassen und den Personaleinsatz flexibel gestalten zu können. Angebote ganztagsschulischen Lernens müssen ausgebaut, und die Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe muss weiterentwickelt werden. Angebote in den Bereichen Musik, Kunst und Sport sind geeignet, den ganzheitlichen Bildungsauftrag der Schule ebenso zu unterstützen wie soziale oder ökologische Aspekte im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Für eine entsprechende Weiterentwicklung des Bildungssystems werden sich die Kultusministerinnen und Kultusminister einsetzen.

Solche Veränderungen können nur gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern und den sie unterstützenden Partnern gelingen. In allen Ländern bedarf es deshalb eines am gegenwärtigen Reformprozess orientierten systematischen Angebots an Lehrerfort- und -weiterbildung sowie der Entwicklung eines unterstützenden professionellen Schulmanagements. Hierfür werden sich Kultusministerinnen und Kultusminister stark machen.

Die von der Kultusministerkonferenz verabschiedeten Standards in den Bildungswissenschaften geben vielfältige Hinweise, welche Kompetenzen die angehenden und die bereits in der Schule arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer zur erfolgreichen Gestaltung ihres sich verändern-den Berufsalltags erwerben müssen. Die Zusammenführung wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischen Handlungswissens in allen Phasen der Lehrerbildung muss um einer kontinuierlichen Optimierung des Handelns in Unterricht und Erziehung willen immer wieder neu eingefordert werden.

Schule gelingt besser, wenn sie auf verlässliche Unterstützungssysteme zurückgreifen kann. Die konsequente Umsetzung des Prinzips „Fördern und Fordern“ an jeder Schule setzt entsprechende personelle, sächliche und wissenschaftliche Bedingungen voraus. Die Kultusministerinnen und Kultusminister werden deshalb auf eine Verbesserung der notwendigen Rahmenbedingungen und insbesondere auf eine angemessene Lehrerversorgung drängen. Veränderte Anforderungen verlangen von allen Lehrerinnen und Lehrern, sich aktiv in ihrer Professionalität weiterzuentwickeln. Dazu sind Fortbildungs- und Unterstützungsangebote notwendig.

Schon heute sind die Schulen und ihr Personal insgesamt hoch belastet. Lehrerinnen und Lehrer arbeiten unter Voraussetzungen, die es für sie manchmal sehr schwer machen, ihre Aufgabe zu erfüllen. Wo zusätzliche Anforderungen nicht mehr im Rahmen der zur Verfügung stehenden Ressourcen zu leisten sind, müssen sie durch Entlastungen an anderer Stelle oder durch ergänzende Mittel und Unterstützung begleitet werden. Besonders belastete Schulen sollten dabei vorrangig berücksichtigt werden, um den Lehrkräften die Bewältigung ihrer schwierigen Aufgabe zu ermöglichen.


V Ausblick: Bildung – ein hohes gesellschaftliches Gut

Die Ergebnisse der internationalen und nationalen Vergleichsstudien mahnen zusätzliche Anstrengungen zur Weiterentwicklung der Bildungsqualität und der Bildungschancen für alle Schülerinnen und Schüler an. Die politisch und im Schulalltag Verantwortlichen in Deutschland haben sich dazu bekannt, der Entwicklung von Bildungsqualität und Bildungschancen Priorität einzuräumen. Ziel muss es vor allem sein, den Zusammenhang von sozialer oder ethnischer Her-kunft und Schulerfolg weitgehend zu entkoppeln.

Dass die Steigerung höherwertiger Abschlüsse nicht nur den individuellen Wohlstand, sondern den einer ganzen Gesellschaft sichert, ist in internationalen Untersuchungen vielfach belegt. Dieser Zusammenhang wird den Bildungswettbewerb der Industrienationen untereinander noch einmal verschärfen. In Kenntnis der bundesweiten Diskussion und der Situation in vergleichbaren Staaten ist es den Unterzeichnern deshalb besonders wichtig, die genannten gemeinsamen Zielvorstellungen erneut in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben.

Die neue Unterrichts- und Schulkultur muss zügig und nachhaltig realisiert werden. Wenn durch zurückgehende Schülerzahlen Mittel frei werden, müssen diese gezielt auch für eine Offensive für Qualität und für die Entkopplung von sozialer Herkunft und Schulerfolg eingesetzt werden. Die Anerkennung von Bildung als hohes gesellschaftliches Gut erfordert ausreichende Investitionen in allen Bereichen des Bildungssystems. Deutschland muss hier wieder eine führende Position im internationalen Vergleich einnehmen und seine Anstrengungen zur Finanzierung der gewachsenen Bildungsanforderungen trotz schwieriger Kassenlage in den Ländern fortsetzen.

Die Unterzeichner werden nach Ablauf von zwei Jahren eine gemeinsame Einschätzung zur Umsetzung der hier getroffenen Vereinbarungen vornehmen.

Ich begrüße daher die in der Gemeinsamen Erklärung zum Ausdruck kommende Bereitschaft, Jugendliche mit Migrationshintergrund stärker als bisher in den Ausbildungsstellen- und Arbeitsmarkt zu integrieren und bei Einstellungen angemessen zu berücksichtigen. Die Länder und die Kultusministerkonferenz wollen ihren Teil dazu beitragen, die Ausbildungsreife von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gezielt zu fördern.
 
 
Quelle: Kultusminsterkonferenz
http://www.kmk.org/aktuell/home.htm

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